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Donnerstag, 8. Mai 2008

In der Bad Freienwalder Kaserne

Wanderungen durch die annektierte DDR haben ja, gerade in provinzielleren Gebieten, immer etwas von archäologischer Forschung. So, wie man in Wäldern, im Fundament abgerissener Häuser und beim Umgraben von Feldern mitunter auf die Überreste frühzeitlicher Siedlungen stößt, so findet der Spaziergänger, der ein Auge dafür hat, zwischen Stralsund und Sonneberg mitunter noch die schönsten und interessantesten Gebäude, städtebaulichen Situationen und Kunstwerke, wenn auch oft in bemitleidenswertem Zustand.


Unter den hierbei möglichen Fundstücken bilden militärische und geheimdienstliche Bereiche eine Klasse für sich, denn aufgrund der Geheimhaltungsstufe, der solche Gebiete notwendigerweise unterlagen, sind sie in Wander- und Architekturführern der DDR nicht verzeichnet, so dass man auf die noch immer bruchstückhaften Forschungen aus der Zeit nach 1990 verwiesen ist. Umso mehr gilt dies für Gebiete, die nicht von den staatlichen Organen der DDR, sondern von solchen der UdSSR genutzt wurden, namentlich die Kasernen der Sowjetarmee.



Auf eine solche stießen wir, ohne es erwartet zu haben, in der Kurstadt Bad Freienwalde im Oderbruch. Hier, wo einst die 6. Gardemechanisierte Division der Sowjetarmee stationiert war, lässt sich die Veränderung der Nutzung solcher Areale, ganz ähnlich wie z.B. in Neuruppin und Wünsdorf, in Echtzeit miterleben. Während der größte Teil der Wohngebäude mittlerweile saniert und zum neuen Wohngebiet “Waldstadt” hergerichtet worden ist, ist die verfallene Absperrung durch Mauern und Zäune immer noch sichtbar. Am Rande des Geländes steht ein letzter Wohnblock leer, vor dem zwischen allerhand Gestrüpp ein Schwimmbecken vor sich hin gammelt. Der blau angestrichene Beton ist an vielen Stellen abgeblättert, Gräser und Bäume stoßen durch Boden und Wände, und es zeigt sich, dass der Mensch sich nur durch Arbeit in der Natur verwirklichen kann: Wo er sich zurückzieht und seine Werke sich selbst überlassen bleiben, werden sie von der Natur zurückerobert.



Wie lang das noch so weitergeht, ist nicht abzusehen. Laut “Märkischer Oderzeitung” vom 11. April plant ein Wriezener Investor in und um den letzten Kasernenbau die Errichtung eines “Fun-Parks” mit künstlich angelegtem See, Kletterwand und Dachterasse mit Biergarten. Man hat jedenfalls allen Grund, bei solch ambitionierten Projekten in dieser Gegend skeptisch zu sein.

Donnerstag, 31. Januar 2008

Zum 63. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz


Sonntag, 27.1.2008

Der Tag hatte damit begonnen, dass ich den Inhalt meiner Kaffeetasse über Bücher, CDs und was noch so auf meinem Schreibtisch lag, verkippte. So schockierte es mich auch nicht mehr, als ich bei meiner Ankunft am Potsdamer Hauptbahnhof erfuhr, dass ich auf meinen Überlandbus zum Schwielowsee eine Stunde zu warten haben würde. Um den Tag nicht am Bahnsteig zu vergeuden, beschloss ich kurzerhand, den Weg trotz fortwährenden Nieselregens zu Fuß zu gehen und dabei auch gleich einen Abstecher zum sowjetischen Ehrenfriedhof an der Michendorfer Chaussee zu machen. Schließlich war heute offizieller Holocaust-Gedenktag, und obgleich ich mich sträubte, einen Tag zu begehen, der von einem Bundespräsidenten der BRD gestiftet worden ist, schien mir der Jahrestag der Befreiung von Auschwitz durh die Rote Armee auf jeden Fall feier- und gedenkwürdig. Und wie könnte man solch ein Jubiläum besser begehen als durch eine Ehrung derjenigen, die das Grauen von Auschwitz beendet hatten? Die Rote Armee wollte ich feiern, und der große, jedoch merkwürdig weit von jeder Siedlung entfernte Friedhof mit seinem würdevollen Ehrenmal eines Sowjetsoldaten mit Siegesbanner in der Hand vor einer geschwungenen Säulenreihe schien mir der rechte Ort dafür zu sein.




Ein längerer Marsch die Michendorfer Chaussee entlang führte mich an allerhand Zeichen des Verfalls entlang, und der einzige Mensch, den ich auf dem Wege an einer Bushaltestelle stehen sah, brüllte mir, als ich schon weit weg war, irgendetwas hinterher (schon auf der Zugfahrt nach Potsdam hatte unweit von mir ein merkwürdiger Typ gesessen, der die ganze Zeit vor sich hin schimpfte und eine auf seinem Sitz gefundene Zeitung wütend und unter allerhand Getöse durch den ganzen Waggon zum Mülleimer getragen hatte).





Endlich beim Friedhof angekommen, war ich schon kurz davor, über ein verschlossenes Tor zu klettern, als mir auffiel, dass das wenige Meter entfernte Hauptportal offen stand. Ich ging vorbei an langen Gräberreihen und gelangte zu der schönen Denkmalsanlage, die auch ein Wasserbecken (vielleicht war früher auch ein Wasserspiel integriert gewesen) und Bänke zum nachdenklichen Verweilen umfasst.


Überhaupt sind Friedhöfe für mich vor allem ihrer künstlerischen Gestaltung nach interessant. Erst die richtige Verbindung von Gartenkunst, Skulpturen und Grabsteinen macht den Besuch auch zu einem ästhetischen Erlebnis. Generell fiel mir bei diesem Besuch auf, dass man Grabsteine eigentlich viel mehr als eigenständige Kunstform auffassen muss. Die Steinmetze, die für ihre Herstellung zuständig sind, tun das sicher ohnehin, aber oft scheint mir bei den Hinterbliebenen, die für einen Verstorbenen den Stein aussuchen, nicht das Bewusstsein vorhanden, dass sie einem geliebten Menschen damit ein Denkmal setzen, das nicht nur Platitüden und Kitsch, sondern die Persönlichkeit des Verstorbenen und ihre Wertschätzung für ihn zum Ausdruck bringen soll.






Hier fand ich jedenfall einige sehr schöne Exemplare dieses Genres, denen man den guten Geschmack ihrer Stifter ansah. Der Friedhof bot ja auch nicht nur Gefallenen des Krieges Platz, sondern wurde auch später noch genutzt; vielleicht gab es in der Nähe eine sowjetische Kaserne. So findet sich auf seinem Gelände auch ein Feld für Kinder, wo mir ein Grabmal auffiel, das aus Metallplatten zusammengenietet war und ein bisschen an eine Flamme erinnerte. Auf jeden Fall aber hatte es eine Form, die sehr abstrakt, aber nicht symmetrisch war; sie wirkte irgendwie unfertig und schien mir damit ein geeignetes Bild für ein verstorbenes Kind.





Von hier schlug ich mich nun durch den Potsdamer Forst durch nach Caputh. Das heißt, ich wusste nicht, dass es Caputh war; ich sah nur auf einmal Häuser hinter den Bäumen aufscheinen, und erst zwei mich anstarrende, ihren Hund Gassi führende Kinder klärten mich auf, wohin ich da geraten war. Um mich erst einmal zu stärken, ging ich in einen Asia-Imbiss, wohl der einzige in der gesamten Gemeinde Schwielowsee. Die Leute spielten gerade mit ihrem kleinen Kind und schienen nicht auf Kundschaft vorbereitet zu sein. Nach dem Verzehr einer riesigen Chinapfanne, die eigentlich zwei Chinapfannen hätten sein können, setzte ich meinen Weg das Seeufer entlang fort, der Rest gehört nicht hierhin.

Dienstag, 27. November 2007

Einige Gedanken zu Gedenkstätten

Welchen Sinn haben Gedenkstätten? Im Gegensatz zu regulären Grabmälern haben sie Bedeutung nicht nur für die Angehörigen der oder des Verstorbenen. Sie werden angelegt, um einen Sinngehalt zu vermitteln, der sich im besten Fall an alle richtet. Gerade die Stätten des Gedenkens an den Nationalsozialismus machen dies deutlich; erinnern sie doch an die Periode, die das deutsche Nachkriegsgeschichtsbild (bzw. die Geschichtsbilder) am meisten geprägt hat.

Wie weit aber soll die Botschaft gehen, die ein Denkmal vermittelt? In der bundesdeutschen Geschichtspolitik hat sich nach dem Anschluss der DDR ein Urteil über die Gedenkkultur dieses untergegangenen Staates verbreitet, das die einseitige Konzentration auf den kommunistischen Widerstand, bei Vernachlässigung anderer Opfergruppen, sowie die Ziehung einer Traditionslinie von diesem Widerstand zum Aufbau des Sozialismus als ahistorische Legitimationskultur ablehnte. Diesem Urteil entsprechend wurden Gedenkstätten umgestaltet, beseitigt oder dem Verfall überlassen, teilweise wurden auf dem Territorium der ehemaligen DDR auch neue Stätten errichtet. In extremer Weise finden sich diese zwei verschiedenen Gedenkkulturen in folgenden Zitaten:

"Unter Führung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands nutzten wir diese historische Chance und schufen in mehr als drei Jahrzehnten angestrengter, hingebungsvoller Arbeit unser sozialistisches Vaterland. Die revolutionären Traditionen begleiten unseren erfolgreichen, kampferfüllten Weg, den wir seit 1945 zurückgelegt haben. Gedenk- und Erinnerungsstätten, die wir errichteten, Gedenktafeln, die wir anbrachten, Gedenksteine und Grabinschriften waren und sind uns immer Mahnung und Verpflichtung, alles für das Wohl des Volkes und dafür zu tun, daß von deutschem Boden nie wieder ein Krieg ausgeht. Das gilt heute mehr denn je angesichts der maßlosen friedensgefährdenden Konfrontationspolitik der aggressivsten Kreise des USA-Imperialismus und der NATO." (Franz Rentmeister: Geleitwort, in: Bezirksleitung Potsdam der SED, Abteilung Agitation und Propaganda / Kommission zur Erforschung der Geschichte der örtlichen Arbeiterbewegung bei der Bezirksleitungs Potsdam der SED / Bezirkskomitee Potsdam der Antifaschistischen Widerstandskämpfer der DDR / Rat des Bezirkes Potsdam (Hg.): Historische Gedenkstätten der Arbeiterbewegung, des antifaschistischen Widerstandskampfes und der Befreiung vom Faschismus im Bezirk Potsdam - Von den Anfängen bis zum Jahre 1945. Eigenverlag, Potsdam 1983).

"Die Nachlebenden können Denkmäler nutzen, um sich bewusst zu machen, wie brüchig der Boden ist, auf dem wir unsere politische Zivilisation errichtet haben. Denkmäler aber können und dürfen uns so wenig rechtfertigen wie Erinnerung und Gedenken [...] Uns bleibt heute nur die Möglichkeit, uns zu erinnern. Denn wir können die Vergangenheit so wenig ändern wie manche Position, die in der Nachkriegszeit bezogen wurde [...] [Es] geht immer um die Einsicht in die Gefährdung des Menschen durch sich selbst und die Möglichkeit seiner Selbstbehauptung im Widerspruch und in der demonstrativen Wahrung und Verteidigung seines Anstands, der aus der Kraft des Gewissens erwachsen kann!" (Peter Steinbach: Die Enthausung des Menschen, in: Johannes Heesch / Ulrike Braun (hgg. von Günter Braun): Orte erinnern. Spuren des NS-Terrors in Berlin. Ein Wegweiser. Nicolai, Berlin 2003).

Für die Geschichtspolitik der DDR stellte sich die Frage, welche Lehren aus der Geschichte für die aktuell anstehenden Probleme gezogen werden können. Dabei kam nicht selten eine falsche Ableitung des Faschismus aus dem Kapitalismus heraus, die die Differenzen zwischen faschistischer Diktatur und bürgerlicher Demokratie verwischte und damit in teilweise absurderArt an der politischen Realität vorbei ging. Auf der anderen Seite gab sie sich aber auch nicht mit einem ratlosen Erschaudern vor dem nationalsozialistischen "Zivilisationsbruch" zufrieden, sondern wusste, wenn auch auf oft mehr als platte Weise, dass Krieg, Ausbeutung und politische Unterdrückung nicht verschwinden würden, so lang der Kapitalismus nicht besiegt war.

Statt der Verlagerung des Gedenkens in den Bereich des allgemein Menschlichen (Zivilcourage, Anstand, Gewissen) sollten die Betrachterinnen und Betrachter eines Denkmals also politische Schlüsse aus der Geschichte ziehen und sich in der Gegenwart gegen den Kapitalismus, gegen Krieg und Faschismus einsetzen. Dass dieses gegenwärtige Engagement anders aussehen musste als antifaschistischer Widerstandskampf in den 30er Jahren, und dass für diese gegenwärtigen Aufgaben der Bezug auf bestimmte Traditionslinien opportuner war als der auf andere, kann kaum verwundern. Wollte man mehr als bloßes Trauern um erlittenes Leid und die Bewunderung individuellen Anstands erreichen, musste man sich auf die Linien des Widerstandes konzentrieren, die einen Weg aus dem Kapitalismus als Grundlage, aus der der Faschismus erwächst, hinaus wiesen. Eine solche Linie konnte zwar nie jedem individuellen Einzelschicksal gerecht werden, sie führte in vielen Fällen sogar zu einer Verfälschung des einzelnen Lebens in der offiziellen Erinnerung. Aber der große Verdienst dieser Linie, den man auch heute noch an so gut wie jedem erhaltenen entsprechenden Denkmal der DDR betrachten kann, ist eben, dass sie den Faschismus nicht als eine Naturgewalt oder einen allgemeinen Verlust des Unrechtsbewusstseins darstellte, sondern als historische, das heißt von Menschen gemachte Tatsache, und damit als eine Gefahr, die durch die bewusste revolutionäre Veränderung der gesellschaftlichen Ordnung gebannt werden kann.

Eine stetig wachsende Reihe antifaschistischer Denkmäler ist zu finden im Verzeichnis der DDR-Kunst im öffentlichen Raum.

Samstag, 1. September 2007

Zwei Denkmäler in Lübbenau






Lübbenau im Bezirk Cottbus ist eigentlich gar nicht eine Stadt, sondern zwei Städte, denn die Eisenbahnlinie durchtrennt nicht nur den Ort, sondern zwei städtebauliche Welten. Auf der einen Seite die beschauliche Altstadt mit ihrem klassizistischen Schloss, den engen Gässchen und dem typischen Spreewaldflair, bestehend aus Kahnfahrten und eingelegten Gurken, und auf der anderen Seite die sozialistische Neustadt, die seit 1957 zusammen mit dem Braunkohlekraftwerk als Wohnstadt für die Arbeiter errichtet wurde.

Nachdem das Kraftwerk in den 90er Jahren geschlossen wurde, ist heute der Gurkentourismus die wichtigste Einnahmequelle des Ortes. Die Jugendlichen fristen derweil das übliche Kleinstadtdasein, sitzen wochenends trinkend auf dem Sportplatz und rufen den vorbeigehenden Christopher Tracy und Leninallee "Sieg Heil" und "Ihr seid der Abschaum der Menschheit" hinterher (auch das ist leider nicht unüblich für diese Region). Vielleicht sollte man sie zum in Bahnhofsnähe gelegenen Denkmal der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes und zum Sowjetischen Ehrenmal der Stadt schicken (das glücklicherweise noch nicht mit Hakenkreuzen, sondern nur mit den Worten "Sido I love you" besprüht ist) und sie mit den Köpfen kräftig gegen die Ziegelwände der Denkmäler schlagen, auf dass es als antifaschistischer Denkanstoß wirke.

Blankenfelde - Sowjetisches Ehrenmal


"Was die Armeen der Sowjetunion, die Söhne des Landes des Roten Oktober, für die Befreiung unseres Volkes und der Völker Europas vom Hitlerfaschismus an Opfern gebracht haben, wird besonders auf dem Terrritorium unseres Bezirkes um Berlin eindringlich deutlich. Tausende gaben in der letzten entscheidenden Schlacht des zweiten Weltkrieges ihr Leben, damit wir leben. Sie ruhen in märkischer Erde. Dank Euch, Ihr Sowjetsoldaten! Eure Tat bleibt unvergessen!"

Diese Worte Franz Rentmeisters, des Vorsitzenden des Bezirkskomitees Potsdam der Antifaschistischen Widerstandskämpfer der DDR (in: D. Schulte (Hg.): Historische Gedenkstätten der Arbeiterbewegung, des antifaschistischen Widerstandskampfes und der Befreiung vom Faschismus im Bezirk Potsdam - Von den Anfängen bis zum Jahre 1945. Potsdam 1983) wären eine gute Wahl gewesen für die Tafeln, die in neuerer Zeit an den beiden Massengrabfeldern der Roten Armee auf dem Blankenfelder Friedhof angebracht wurden, welche zusätzlich zu den Gräbern namentlich bekannter Gefallener dort angelegt sind. Eine bessere Wahl zumindest als das Albert-Schweitzer-Zitat "Die Soldatengräber sind die großen Prediger des Friedens" und der unsägliche Satz "Gedenkt ihrer und aller Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft!", denn die Sätze Rentmeisters machen deutlich, dass es hier nicht einfach nur um bedauernswerte Opfer eines Krieges geht, mit dessen Zielen sie selbst nichts zu tun hatten, sondern um Soldaten, die für die Verteidigung des Sozialismus und den Sieg über den Faschismus ihr Leben ließen.

Neben dem sowjetischen Ehrenfriedhof mit seinem Denkmal, dass von einem wehrhaften Schild mit Rotem Stern geschmückt und von Hammer und Sichel gekrönt ist, wurde hier laut dem oben zitierten Buch auch ein "Ehrenhain antifaschistischer Widerstandskämpfer, verdienter Parteiveteranen und Aktivisten der ersten Stunde" angelegt, der mir allerdings nicht auffiel und über den mir der betont unhöfliche Friedhofswärter wohl auch nichts erzählt hätte, wenn ich ihn danach gefragt hätte.

Mittwoch, 29. August 2007

Glasow - Sowjetisches Ehrenmal




Das zu Blankenfelde-Mahlow gehörende Dörfchen Glasow hat unter anderem ein schreckliches Kriegerdenkmal zu bieten, welches das Sterben fürs Vaterland "den Lebenden zur Nachahmung" empfiehlt. Die neu angebrachte Tafel, die sich mit der Gedenkformel des wiedervereinigten Großdeutschland gegen "Gewaltherrschaft" wendet, macht das auch nicht besser.

Viel interessanter ist da der 1946 errichtete sowjetische Ehrenfriedhof des Ortes mit seinem abgestuften Backsteinobelisken und den Tafeln am Eingangstor, die in russischer und deutscher Sprache verkünden, dass "das sowjetische Volk ... die Zivilisation Europas vor den faschistischen Zerstörern gerettet" hat. Das Zitat Stalins von 1944 entspricht zwar der Realität, in der Weise, dass es tatsächlich die Rote Armee war, die den größten Beitrag zur Befreiung Europas vom faschistischen Deutschland leistete. Leider aber war es letztendlich 45 Jahre später eben diese Zivilisation Europas, die den Sieg über den sowjetischen Sozialismus davontrug und diesen heute tagtäglich mit dem Deutschland der "faschistischen Zerstörer" als "Gewaltherrschaft" in einen Topf wirft.

Sonntag, 22. Juli 2007

Zweimal Erwin Kobbert

Zahlreiche Kriegstote ruhen auf dem Parkfriedhof im Berliner Stadtteil Marzahn, und dementsprechend reich ist er als Ort des Gedenkens mit Mahn-, Denk- und Ehrenmälern ausgestattet. Verschiedene Künster haben sich hier betätigt, aber am stärksten hat wohl der Bildhauer Erwin Kobbert dem Friedhof seinen Stempel aufgedrückt.


Gleich nachdem man das Eingangstor durchquert hat, stößt man auf ein Mahnmal, das überhaupt nicht zusammenzupassen scheint: Eine Schwurhand, das Symbol des antifaschistischen Kampfes, die auf einem Sockel mit der Inschrift ruht: "Euch Lebende mahnen 3330 Opfer des Bombenterrors". Als ich das Mahnmal zum ersten Mal sah, hielt ich es für eine geschmacklose Umwidmung neueren Datums; zu abwegig erschien mir die Gleichsetzung der sich wehrenden Opfer des Faschismus mit den Toten des alliierten Bombardements, das den Krieg zurück in sein Ausgangsland brachte. Ein Anruf bei der Friedhofsverwaltung ergab jedoch, dass dieses Mahnmal tatsächlich schon seit seiner Aufstellung in der 50er Jahren so ausgesehen hat. Offenbar ließ sich der Künstler von dem verhängnisvollen Faschismusverständnis leiten, welches auch die SED vetrat, nach dem der Faschismus die offene Diktatur der Bourgeoisie gewesen war und demnach die deutsche arbeitende Bevölkerung in gleichem Mape sein Opfer gewesen war wie auch die Insassen der KZs und die Zwangsarbeiter - als ob die breite Masse der Deutschen keinen Anteil an der Herrschaft des Nationalsozialismus gehabt hätte.

Dass er das Leiden der Opfer durch das Leiden der Täter relativieren wollte, kann man Kobbert jedenfalls nicht vorwerfen, schließlich zeichnete er auch verantwortlich für einen Gedenkstein für die Opfer des Nationalsozialismus, der auf diesem Friedhof einst seinen Platz hatte und mittlerweile verschwunden ist.






Vor allem aber ist Kobbert auch der Schöpfer (zusammen mit dem Gartenarchitekten Johannes Mielenz) des sowjetischen Ehrenmals, welches man am äußersten Ende des Friedhofs erst einmal finden muss und das vor allem durch seinen Detailreichtum zu beeindrucken weiß. Schon die Gestaltung der Eingangstore verblüfft und nimmt ein Motiv wieder auf, das vom Ehrenmal in Treptow bekannt ist: Die anstürmenden Granitmassen mit dem Emblem der Kommunistischen Partei, die durch die mit Ranken verzierten Eckpfeiler zurückgehalten werden, vermitteln ein Gefühl dynamischer Bewegung, die für einen Moment innehält, um dem Gedenken Raum zu geben. In einer Grabanlage und einer großen Urne sind über 400 Soldaten der Roten Armee hier beigesetzt, die bei der Einnahme Berlins den Tod fanden. Ein Obelisk mit dem fünfzackigen Stern krönt die Anlage. Die vielen Inschriften, die immer wieder auftauchenden Ornamente Sowjetstern und Eichenblatt sowie das Wappen der UdSSR an der Spitze das Obelisken, in dem auch die mehrsprachige Inschrift "Proletarier aller Länder, vereinigt euch!" nicht vergessen wurde - dieser riesige Arbeitsaufwand, der in das Denkmal gesteckt wurde, zeugt von dem Willen, die eingemeißelten Worte "Euer Ruhm wird Jahrhunderte überleben" Wirklichkeit werden zu lassen.

Kobbert war offensichtlich mehr als überzeugt von der Richtigkeit des antifaschistischen Weges, den die DDR an der Seite der UdSSR eingeschlagen hatte, und sein Denkmal für die Opfer des Bombenkrieges ist ein weiteres Zeichen dafür, wie eng dabei politischer Opportonismus, der um die Notwendigkeit wusste, die eroberte ostdeutsche Bevölkerung in die Ziele der Sowjetunion einzuspannen, mit einer tiefen Überzeugung vieler Beteiligter verknüpft war, dass die verkündete Generallinie mit der historischen Wahrheit identisch sei.

Freitag, 22. Juni 2007

Von Norden nach Woronesh


Ein weiterer Abstecher nach Woronesh führt uns zu einem der dort zahlreich vorhandenen Mahnmale für den Zweiten Weltkrieg, dessen Interpretation als "Großer Vaterländischer Krieg" sich hier in besonders schlimmer Form zeigt: Die Darstellung eines gefallenen Soldaten mit einer Mutter-Heimat-Figur, die ein Baby an ihrem Busen stillt, ist bar jeden Bezugs auf die politische Dimension dieses Krieges - die Verteidigung des Sozialismus gegen den Faschismus - und könnte in dieser Form genauso gut auch als Kriegstotenmahnmal in jedem anderen Land stehen. Nichtsdestotrotz ist der 1967 von dem Bildhauer F. K. Suschkow und dem Architekten A. G. Busow geschaffene Gedenkkomplex, wie mir ein Einheimischer versicherte, in der Stadt die beliebteste Fotokulisse für frisch verheiratete Paare.


Viel interessanter dagegen ist eine nahe dem Denkmal errichtete Installation: eine große Pyramide aus rotem Glas, an deren vier Achsen jeweils ein leicht geneigter roter Stern angebracht ist. Sie steht in der Mitte eines Kreisverkehrs am Anfang des Moskowskij Prospekt (im Kominternowskij Rajon) und damit am Übergang von der Schnellstraße in den Stadtverkehr. Wer von Norden in die Stadt hinein fährt, erhält so schon einen ersten, bleibenden Eindruck durch die Pyramide, die nachts auch von innen beleuchtet ist. Wann und durch wen sie geschaffen wurde, kann ich nicht sagen, aber sie ist auf jeden Fall ein guter Beweis dafür, dass ein politischer Inhalt - hier: die aufwärts strebende rote Bewegung - nicht an eine konkrete Form gebunden ist, sondern auch in abstrakter Weise überzeugend dargestellt werden kann.

Freitag, 8. Juni 2007

Rigas Befreiung





Als ich im letzten Sommer auf einen Kurzbesuch nach Riga, der Hauptstadt der ehemaligen Lettischen Sozialistischen Sowjetrepublik fuhr, hielt ich es in den engen, verwinkelten Gassen des Stadtzentrums nicht lang aus. Das weniger eng bebaute Westufer der Daugawa sagte mir da schon mehr zu, kann man hier doch wenigstens weiter als zehn Meter blicken und sich somit ein Bild davon machen, wo man sich eigentlich befindet.

Hier steht auch, jedenfalls noch so lang wie es die lettische Regierung nicht auf eine Verschlechterung der Beziehungen zu Russland anlegt, das Monument für die Befreier Rigas. Wann und durch welchen Bildhauer es errichtet wurde, kann ich nicht sagen, aber sicher ist, dass es neben dem Fernsehturm das Schönste ist, was ich in dieser Stadt zu Gesicht bekam.
Um einen Turm aus in die Höhe schießenden roten Sternen gruppieren sich in stark stilisierter Darstellung drei sowjetische Soldaten und eine typische Mutter-Heimat-Figur.

Der heutige Zustand des Denkmals könnte besser sein. Die ursprünglichen Inschriften sind abmontiert und die Bebauung der Parkanlage ist teilweise arg bröckelig. Wie allerdings die russische Nachrichtenagentur RIA Novosti kürzlich meldete, sind wenigstens die Graffiti entfernt worden.

Freitag, 1. Juni 2007

Zwei Armeedenkmäler in Woronesh



Auch für die Sowjetunion galt: Der Frieden muss bewaffnet sein. Nach dem Bild einer Friedenstaube aus Woronesh sollen deswegen nun zwei dortige Denkmäler der Roten Armee Thema sein. Dabei handelt es sich um das Denkmal der tapferen Panzerfahrer auf dem Prospekt Patriotov (Sowjetskij Rajon), geschaffen 1975 von P. P. Danilenko, und das nahe gelegene Denkmal der Piloten der Zweiten Luftwaffe, die im Kriegsjahr am Woronesher Himmel getroffen wurden - diesen langen Titel gibt zumindest der Reiseführer "Russkij Gorod Woronesh" an (O. K. Kretowa, Woronesh 1986), der mir neben einem 2006 erschienenen Stadtplan aus der Reihe "Goroda Rossii" als einzige Quelle dient. Die beiden Denkmäler beschränken sich auf die monumentale Darstellung des Kriegsgeräts, ohne zu zeigen, wofür die Soldaten in diesen Gefährten eigentlich gekämpft haben; wofür es sich für sie zu kämpfen lohnte. Sie sind damit recht traurige Zeugnisse dafür, dass der offizielle Bezug auf den "Großen Vaterländischen Krieg" nie nur die Verteidigung des Sozialismus gegen seine faschistischen Feinde würdigte, sondern leider stets auch ein Moment von Chauvinismus enthielt.

Mittwoch, 23. Mai 2007

Wünsdorf - unbekanntes Denkmal



Im heute verlassenen ehemaligen Kasernengelände der Roten Armee in Wünsdorf - Waldstadt befindet sich dieses Denkmal. Es besteht aus einer freistehenden Wand mit dem steinernen Relief eines Rotarmistengesichtes in der Mitte und mit einem Mosaik, das junge Menschen zeigt, wie sie sich die Natur und die Wissenschaft erschließen. Am unteren rechten Rand der Wand ist eine Inschrift in russischer Sprache angebracht, die leider nicht mehr lesbar ist. Vielleicht stand hier früher die Schule für die Kinder der Soldaten; vielleicht sollte das Bild die Rotarmisten aber auch einfach daran erinnern, was zu verteidigen ihr Auftrag war.

Siehe dazu auch diesen Beitrag.

Hennigsdorf - Sowjetisches Ehrenmal


Im Rathenaupark der Stadt Hennigsdorf befindet sich ein Ehrenmal der Roten Armee, das durch seine Verbindung abstrakter mit konkreter Darstellung des Kampfes gegen den Nationalsozialismus besticht. Der rechteckige Platz wird umrandet von einem roten Metallzaun mit fünfzackigen Sternen, und ein großer roter Stern befindet sich auch auf der Spitze des Denkmalsockels. Am Sockel selbst sind metallene Reliefs mit Schlachtszenen angebracht. Der Kampf der Roten Armee wird so in Verbindung mit dem sozialistischen Ziel gebracht, das durch das Zeichen des Roten Sterns ausgedrückt ist. Am Rande des Denkmals befinden sich Gräber von Sowjetsoldaten, die beim Kampf um Hennigsdorf den Tod fanden.

Montag, 21. Mai 2007

Kostrzyn nad Odrą - Sowjetisches Ehrenmal





Die alte preußische Festungsstadt Küstrin (Polnisch: Kostrzyn) war im Zweiten Weltkrieg von der Wehrmacht als Festung genutzt worden und wurde in den Kampfhandlungen beinahe komplett zerstört. Nachdem die ehemaligen deutschen Ostgebiete Polen zugeschlagen wurden, erhielt die Stadt den Namen Kostrzyn nad Odrą, während der westlich der Oder gelegene Bezirk Küstrin-Kietz zur eigenständigen Gemeinde in Deutschland und später der DDR erklärt wurde. Während die Kostrzyner Neustadt nach dem Krieg so gut wie komplett neu aufgebaut wurde, blieben von der Altstadt samt Festung nur Ruinen, die mittlerweile langsam archäologisch erschlossen werden. Auf einem verbliebenen Teil der Befestigung am Ufer der Oder wurde ein Ehrenmal und ein Soldatenfriedhof der Roten Armee mit kleinerer Parkanlage geschaffen. Das Ehrenmal besteht aus einer Urne und einem Obelisken mit Rotem Stern auf der Spitze, der auf dem befestigten Uferhang imposant in die Höhe ragt. Diese Wirkung wird noch unterstrichen durch ein Geschütz, welches am äußersten Rande des Mals stehend über das Ufer ragt; gleichsam als solle es die Wachsamkeit Polens gegenüber dem westlichen Nachbarn demonstrieren. Interessant ist hier die Verbindung der bei solchen Ehrenmalen oft genutzten abstrakten Form des Obelisken mit einem echten Geschütz. Das Zusammenspiel von Ruhe und Erhabenheit auf der einen Seite und einem ganz konkreten Zeichen des Krieges und der Wehrhaftigkeit auf der anderen Seite deuten an, dass selbst der Tod der auf dem Friedhof ruhenden Soldaten nicht völlig umsonst war.