Sonntag, 3. Februar 2008

Burger in Neuruppin

Der Sozialismus hat die Stadtplanung nicht erfunden, aber er hat die Fähigkeit, Städte durch wohldurchdachte Planung nicht nur Nützlichkeit, sondern auch Schönheit zu geben, auf einer vorher nie erreichten Stufe ausgebildet. Ähnlich geschlossene Ensembles erreichten wohl nur die fürstlichen Planstädte des Barock und des Klassizismus, so wie beim Wiederaufbau Neuruppins nach dem großen Brand von 1787.

Die frühklassizistische neue Stadtanlage nach Plänen Bernhard Matthias Braschs ist durch klare Verhältnisse der Wege und Bauten geprägt: ein rechtwinkliges Straßennetz, typisierte zweigeschossige Bürgerhäuser und durch ihre Form und ihre Lage hervorgehobene öffentliche Bauten. Die Hauptachse des Stadtzentrums, die Karl-Marx-Straße, verläuft von Süden nach Norden, und an ihrer Seite reihen sich nacheinander drei Plätze auf, die beim Durchschreiten der Straße ein stetig gesteigertes räumliches Erlebnis bieten: der erste eine große Grünfläche; der zweite mit dem breitfrontigen Bau des Gymnasiums, und schließlich der dritte, bestimmt durch die Marienkirche mit ihrer hohen Kuppel, der gegenüber ein Denkmal Karl Friedrich Schinkels steht (der diese Kirche nicht gebaut hat, auch wenn sie von ihm stammen könnte, und der neben Theodor Fontane der berühmteste Sohn der Stadt ist).

Gerade im Vergleich zur „gewachsenen“ mittelalterlichen Stadt mit ihren verwinkelten Gassen ist die ganze Anlage wunderbar rational und auf die Orte des öffentlichen Lebens konzentriert, die wie an einer Perlenkette aufgereiht sind. Dem „Reisebuch DDR“ (VEB Tourist Verlag, Berlin / Leipzig 1985) ist darum zuzustimmen: „In der einheitlichen frühklassizistischen Stadtanlage ... ist ein von aufklärerischen Ideen geprägtes Programm verwirklicht ...“



Der eben genannte mittlere Platz an der Karl-Marx-Allee trug in sozialistischen Zeiten den Namen „Platz der Opfer des Faschismus“ und war durch verschiedene Maßnahmen in seiner Bedeutung umgeformt worden. Das Gymnasium wurde in eine Oberschule und dann in ein Kulturhaus umgewandelt (heute bietet es Musik- und Kunstschulen Raum, eine Bibliothek und eine Fachhochschule sollen folgen). Das ihm gegenüber aufgestellte Denkmal Friedrich Wilhelms II. wurde 1947 entfernt und durch eine Karl-Marx-Büste von Fritz Cremer ersetzt. Die Inschrift über dem Eingang, „CIVIBUS AEVI FUTURI“ (Den Bürgern des künftigen Zeitalters), bekam so einen neuen Sinn: Nicht mehr zu preußischen Untertanen, sondern zu Bürgern eines sozialistischen Staates sollten die Schüler hier gemacht werden. Dass dass Bürgerverständnis der DDR freilich letztlich viel mehr mit dem Preußens gemein hatte, als man 1947 ahnen konnte, steht auf einem anderen Blatt.


1981 wurde neben dem Gymnasium ein Ehrenmal für die Opfer des Faschismus, „Tröstender, Leidender, Kämpfender“ von Horst Misch, errichtet, das die Besucher des nunmehrigen Kulturhauses daran erinnern sollte, dass aus dem millionenfachen Leid, das der Faschismus gebracht hatte, die Verpflichtung erwächst, ihn nie wieder aufkommen zu lassen. Der Ort war so, unter weitgehender Beibehaltung seiner historischen Struktur, in den zentralen Platz einer sozialistischen Stadt verwandelt worden.




Das ist freilich lang her, und obwohl der Umbenennungswahn der 90er Jahre in Neuruppin, verglichen mit anderen Städten, die sich ihres historischen Bauerbes rühmen, eher wenig gewütet hat, merkt man auch diesem Platz heute an, in welchen Zeiten man lebt. Friedrich Wilhelm steht, dank der Hilfe des Lions Club, der hier in der Stadt so gut wie alle Restaurierungsarbeiten der letzten Jahre finanziert zu haben scheint, wieder an seinem alten Platze, und Marx ist dafür zum OdF-Ehrenmal umgesetzt worden. Von einer Verbannung der Büste aus dem Blickfeld lässt sich allerdings nicht sprechen, denn die Wirkung, die durch die neue Position entsteht, ist sehr vorteilhaft: Marx’ Blick ist nun über eine Wiese hin auf Mischs Plastik gerichtet. Dass zwischen ihnen noch eine merkwürdige, spielzeugartige Holzplastik steht, derer es in der Stadt noch mehr gibt, stört ein wenig, kann aber auch leicht ignoriert werden. Die Kombination der beiden Denkmäler lässt sich jetzt so deuten, dass nur auf marxistischer Basis eine wirkliche Überwindung von Krieg und Faschismus möglich ist – eine Botschaft, die sich die lokale Antifaszene, die man an den zahlreichen linken Aufklebern in der Stadt ablesen kann, und den Bürgern, die sich unter dem Label "FREIe HEIDe" gegen die Einrichtung eines Bundeswehrschießplatzes auf einem ehemaligen Gelände der Sowjetarmee einsetzen, zu Herzen nehmen sollten.


Noch eine weitere positive Änderung hat der Platz erfahren: Seit Herbst letzten Jahres ist in eines der Bürgerhäuser das „Fifties Diner“ eingezogen, von dem man nicht nur einen guten Blick auf das Marx-Denkmal hat, sondern das auch mit stilechter Diner-Möblierung, Elvis-Bildern, alten Filmplakaten, an die Decke genagelten Schallplatten und allerlei Trödel (wie die Kühlerfigur eines alten Buick, die uns der Inhaber stolz zeigte) wunderbar eingerichtet ist und wo man zum Klang von Popmusik aus den 60er Jahren Hot Dogs, Milchshakes und Burger genießen kann, die auch noch mit kleinen Stars-and-Stripes-Fähnchen verziert sind. Wir aßen „Fifties Diner Special“-Burger mit Pommes Frites; es war die beste Mahlzeit, die ich seit Tagen hatte.


Ein solches Lokal hätte es hier bereits in den 50er Jahren geben sollen. Die DDR wie auch die anderen sozialistischen Staaten haben ja leider nie das demokratische, egalisierende Potential der US-amerikanischen Massenkultur erkannt, und gerade in ihrer Anfangsphase viel zu sehr auf nationale Traditionen gesetzt, statt sich diese bereits bestehende, jeden ansprechende Weltkultur anzueignen und in sozialistischem Sinne zu verändern. Erst dieses Diner jedenfalls macht den Platz wirklich perfekt. Klassizistischer Städtebau, sozialistisch-antifaschistsche Kunst und US-Popkultur, an einem Ort vereint – das Beste aus allen Welten.


1 Kommentar:

supersonic88 hat gesagt…

Als Ergänzung : das alte Gymnasium hatte die Funktion eines Standesamtes( vielleicht heute auch noch )