







Erfüllt von Eindrücken begeben wir uns in Richtung des ausgedehnten Bucher Klinikgeländes, auf dem sich Bauten aus fast allen architektonischen Strömungen des 20. Jahrhunderts versammeln: vom historisierenden Ekklektizismus über das Neue Bauen bis hin zu Spuren aus jedem Jahrzehnt Baugeschichte der DDR. So vereinigt die hier abgebildete Robert-Rössle-Klinik an einem einzigen Gebäude die letzten Ausläufer der “nationalen Bautradition” (ersichtlich noch in der Gliederung der Fassade) und eine geradezu überschwengliche Umarmung der internationalen Moderne (der Eingangsbereich ist baulich und vom Dekor her ganz in dynamischen, asymmetrischen Formen gehalten).
Durch den teilweise recht verwilderten Schlosspark hindurch gelangen wir schließlich an unser Ziel: ein Bücherbasar auf einem ehemaligen Werksgelände, bei dem wir uns mit allerlei Nützlichem und Angenehmem eindecken können. Auf einer Bank im Wohngebietszentrum beim S-Bahnhof, das leider seit meinem letzten Besuch komplett abgerissen und durch neue Ladenbebauung mit engen Gassen ersetzt wurde (nur eine Kaufhalle steht noch, wird aber momentan auch geräumt), blättern wir in unseren neuen Büchern und nehmen aus den Augenwinkeln noch wahr, wie ein kleines Mädchen ihrer Mutter imponieren will, indem sie die vor uns stehende “Gänsegruppe” Nikolaus Bodes erklettert. Ich fühle mich erinnert an meine Lieblingspassage aus Georg Piltz' “Mit der Kunst auf du und du” (Verlag Neues Leben, Berlin 1974), und will diesen Beitrag damit schließen:
Kinder “benutzen die Plastik als Mal beim Haschen, als Sitzgelegenheit oder auch als Klettergerüst. Für sie gehört das Kunstwerk einfach zu ihrer natürlichen Umwelt, es ist für sie in einem schönen Sinne selbstverständlich geworden ... Vielleicht ist dies die wichtigste Funktion der 'Kunst am Wege': Sie erlöst die Kunst aus ihrer musealen Abgeschiedenheit, in die sie von der Bourgeoisie verbannt war, und befreit den Menschen von einer Betrachtungsweise, die angesichts einer sich ständig verändernden Welt ebenfalls museal anmutet. Wir lernen mit der Kunst wie mit unseresgleichen umzugehen und sie eindringlich zu befragen, statt sie nur ehrfürchtig zu bestaunen.” Hoffen wir, dass die Kletterpartie für das Bucher Mädchen einen solchen Anfang zur Kunstliebe bildet – sollte sie die Hufeland-Oberschule besuchen, hätte sie jedenfalls bereits auf dem Schulweg beste Voraussetzungen dazu.
Unter den hierbei möglichen Fundstücken bilden militärische und geheimdienstliche Bereiche eine Klasse für sich, denn aufgrund der Geheimhaltungsstufe, der solche Gebiete notwendigerweise unterlagen, sind sie in Wander- und Architekturführern der DDR nicht verzeichnet, so dass man auf die noch immer bruchstückhaften Forschungen aus der Zeit nach 1990 verwiesen ist. Umso mehr gilt dies für Gebiete, die nicht von den staatlichen Organen der DDR, sondern von solchen der UdSSR genutzt wurden, namentlich die Kasernen der Sowjetarmee.
Auf eine solche stießen wir, ohne es erwartet zu haben, in der Kurstadt Bad Freienwalde im Oderbruch. Hier, wo einst die 6. Gardemechanisierte Division der Sowjetarmee stationiert war, lässt sich die Veränderung der Nutzung solcher Areale, ganz ähnlich wie z.B. in Neuruppin und Wünsdorf, in Echtzeit miterleben. Während der größte Teil der Wohngebäude mittlerweile saniert und zum neuen Wohngebiet “Waldstadt” hergerichtet worden ist, ist die verfallene Absperrung durch Mauern und Zäune immer noch sichtbar. Am Rande des Geländes steht ein letzter Wohnblock leer, vor dem zwischen allerhand Gestrüpp ein Schwimmbecken vor sich hin gammelt. Der blau angestrichene Beton ist an vielen Stellen abgeblättert, Gräser und Bäume stoßen durch Boden und Wände, und es zeigt sich, dass der Mensch sich nur durch Arbeit in der Natur verwirklichen kann: Wo er sich zurückzieht und seine Werke sich selbst überlassen bleiben, werden sie von der Natur zurückerobert.
Wie lang das noch so weitergeht, ist nicht abzusehen. Laut “Märkischer Oderzeitung” vom 11. April plant ein Wriezener Investor in und um den letzten Kasernenbau die Errichtung eines “Fun-Parks” mit künstlich angelegtem See, Kletterwand und Dachterasse mit Biergarten. Man hat jedenfalls allen Grund, bei solch ambitionierten Projekten in dieser Gegend skeptisch zu sein.
Der Hinweg ist damit auch alles andere als leicht, muss man doch ewig bergauf gehen und dann auch noch einen in Treppen gefassten Weg gehen, dessen Straßenlaternen allesamt abmontiert sind, so dass man im Dunkeln die Stufen herabfallen und sich an den schlechten Skulpturen aus den späten 80er Jahren, die Titel wie "Männliches und weibliches Prinzip" und "Florale Konfiguration" tragen, den Schädel aufschlagen kann.
Die Stadt, die sich im Zentrum alle Mühe gibt, mit der Vernichtung der zahlreich vorhandenen sozialistischen Kunst und der Besetzung öffentlichen Raums durch Malls und Parkhäuser eine echte kapitalistische City zu schaffen, zeigt hier auch die dazugehörige Ghettobildung. Das von Manfred Höllering entworfene Komplexzentrum, das sich auf drei befahrbaren Ebenen den Hang hinauf zieht, entschädigt denn auch nur mäßig für den mühsamen Aufstieg, steht es doch, abgesehen von einem Fitnesscenter, fast völlig leer, und in der Grünanlage nebenan überwuchert das Gestrüpp langsam einen liegenden weiblichen Akt, so dass man sich an Dornröschen erinnert fühlt.
Ein Stück höher auf dem Berg wurde neben das Wohngebietszentrum, in dem heute Rewe und verschiedene kleinere Läden ihren Sitz haben, ein neues Einkaufszentrum gesetzt, auch ist weitgehend ungenutzt. Trotzdem aber gibt es noch die eine oder andere Kneipe, ein Nachbarschaftszentrum und einen Jugendclub, in dem sogar die Antifa Veranstaltungen gibt.
So lässt es sich dann vielleicht doch ganz gut leben zwischen den Häuserblöcken, deren Schwingung die Beschaffenheit des bergigen Geländes aufnimmt, und die, von Sanierungsmaßnahmen im Rahmen des „Stadtumbau Ost“ weitgehend verschont, noch ihre ursprünglichen Fassadenmusterungen tragen. Schade nur, dass das Hochhaus, welches ich auf einer gar nicht so alten Postkarte hier noch sehen konnte, nicht mehr existiert; es hätte dem Zentrum noch den letzten Schliff gegeben.