Dienstag, 3. Juli 2007

Der junge Marx auf Stralau

Alt-Stralau, eine Halbinsel in der Spree, hat sich innerhalb der letzten hundert Jahre vom Villenviertel und Kurort über ein Industrierevier zu einem der langweiligsten gentrifizierten Wohngebiete Berlins entwickelt. Zwischen den (natürlich allesamt eingezäunten) typischen 90er-Jahre-Wohnhäusern mit ihren angedeuteten Spitzdächern und Putz-/Backstein-Fassaden findet sich nur Weniges, was einen Besuch rechtfertigen würde. Neben der hübschen Sicht aufs Wasser und einem alten Schiffslastkran ist das vor allem die Karl-Marx-Erinnerungsstätte am Ufer, 1964 von Hans Kies geschaffen.




"1837 weilte Karl Marx in Alt-Stralau und fand hier als junger Student die Erholung die er zur Fortführung seiner Arbeit benötigte", steht auf einem Steinblock in der Mitte der Anlage - Man kann sich schon fragen, was an diesem Ereignis so wichtig sein soll, dass es den Bau einer Gedenkstätte begründen könnte. Der Zusatz "1890 kamen aus Hamburg die Glasarbeiter nach Alt-Stralau. Sie waren aktive Vertreter der Lehren von Marx und Engels. Von hier aus leiteten sie den groszen Streik der 'Buddelmaker' in ganz Deutschland im Jahre 1901 und führten ihn erfolgreich zu Ende", benennt zwar tatsächlich ein erinnerungswürdiges Ereignis, allerdings ist die Verbindung zu Marx' Kur doch mehr als gestelzt. Dass die streikenden Arbeiter wirklich "aktive Vertreter der Lehren von Marx und Engels" waren, hätte man zumindest mit Hinweisen über die Ziele und Organisationsformen des Streiks belegen müssen. Schließlich begrenzen sich diese Lehren nicht auf den Satz, die Arbeiter könnten nur in gemeinsamer Aktion ihre Interessen verteidigen - dazu braucht es keinen Marx und keinen Engels, das sieht auch noch jede bessere Gewerkschaft von sich aus ein. In der Form jedenfalls, in der Marx' Aufenthalt auf Stralau (dargestellt in einem Relief, auf dem der junge Marx bei Tische mit einem älteren Mann diskutiert) und der Steik (ein zweites Relief zeigt Arbeiter, die sich der preußischen Armee entgegenstellen) in Verbindung gebracht sind, gerinnt der Bezug auf den Schöpfer des "Kapital" zur bloßen Heldenverehrung - da hilft auch das völlig zusammenhanglos auf die Rückseite der Reliefwand geschriebene Zitat "Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern", nicht weiter.

1 Kommentar:

Leninallee hat gesagt…

Da bin ich absolut nicht deiner Meinung. Indem Karl Marx eben gerade nicht losgelöst von allem als Held verehrt wird, wie es mit üblichen Büsten geschieht, sondern noch dazu an einen Kampf der Arbeiterbewegung in späterer Zeit erinnert wird, der ohne Zweifel in irgendeiner Form durch das Wirken von Marx beeinflußt war, beides also verbunden ist, bekommt das Denkmal eine ganz neue, ich möchte sagen sozialistische Qualität. Die Verbindung des Streiks zu Marx` Kur ist nicht "gestelzt", sondern durch den Ort gegeben. Der Satz "Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern" ist ganz und gar nicht zusammenhanglos dahingeschrieben, sondern gleichsam eine Überschrift für das Denkmal. Denn das Denkmal stellt doch da, daß Marx durch sein Wirken für die Arbeiterbewegung mithalf, daß später erfolgreiche Streiks wie jener möglich waren. Selbstverständlich ist das noch nichts alles, was es zu Marx zu sagen gäbe. Aber falsch ist es nicht und wieviel erwartest du denn von einem Denkmal? Marx wird schon jeder selbst lesen müssen, das nimmt einem kein Denkmal ab.